{"id":152,"date":"2018-02-14T12:26:21","date_gmt":"2018-02-14T11:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.digitalreport.at\/?p=152"},"modified":"2018-02-14T12:26:21","modified_gmt":"2018-02-14T11:26:21","slug":"inmitten-einer-lauten-minderheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.digitalreport.at\/report-facebook\/2018\/02\/14\/inmitten-einer-lauten-minderheit\/","title":{"rendered":"Inmitten einer lauten Minderheit"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.digitalreport.at\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gespraechiges-maennchen-zeichnung-anna-hazod.png\"><div style=\"width: 105px;\" data-width=\"105\" class=\"ratio-wrap-left\"><div class=\"ratio-box\" style=\"padding-bottom: 264.7619047619% !important;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-153 lazyload\" alt=\"\" width=\"105\" height=\"278\" data-src=\"https:\/\/www.digitalreport.at\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/gespraechiges-maennchen-zeichnung-anna-hazod.png\" data-srcset=\"https:\/\/www.digitalreport.at\/report-facebook\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2018\/07\/gespraechiges-maennchen-zeichnung-anna-hazod.png 241w, https:\/\/www.digitalreport.at\/report-facebook\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2018\/07\/gespraechiges-maennchen-zeichnung-anna-hazod-113x300.png 113w\" data-sizes=\"(max-width: 105px) 100vw, 105px\"><\/img><\/div><\/div><\/a>Liefert Facebook einen Einblick, was \u201edas Volk\u201c denkt? Wohl kaum! Das zeigt eine beeindruckende Recherche des Onlinemediums mokant.at, bei der Millionen\u00a0<\/strong><strong>von Kommentaren im Wahlkampf analysiert wurden. Chefredakteurin Sofia Palzer-Khomenko erkl\u00e4rt, wie eine Minderheit die Debatte pr\u00e4gt<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es ist Anfang November 2017. Der Nationalratswahlkampf ist gerade zu Ende\u00a0gegangen. Wir \u2013 die Mitglieder des Rechercheteams von <a href=\"http:\/\/mokant.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mokant.at<\/a> \u2013 sitzen in meinem Wohnzimmer an unseren Laptops. Vor uns: Leere Kaffeetassen und ein Berg von Daten. Er enth\u00e4lt 2,9 Millionen Kommentare. Es sind Kommentare, die Facebook-User in den Monaten vor der Wahl auf 40 Facebook-Seiten von Medien und Politikern gepostet haben. Werden uns die Daten etwas \u00fcber den politischen Diskurs auf Facebook verraten k\u00f6nnen? Wir fangen an: es gibt viel zu rechnen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Als wir einige Monate zuvor mit unserer Recherche zum politischen Diskurs auf Facebook beginnen, treibt uns vor allem die Frage an, wie sich Fake News verbreiten. Auf den ersten Blick scheinen es tausende Menschen zu sein, die aus Wut, Angst oder Interesse Meldungen teilen. Doch bald machen wir eine interessante Entdeckung: Gewisse User kommen uns immer wieder unter. Meist sind es \u201eGeister-Accounts\u201c, User, die kaum Informationen \u00fcber sich preisgeben. Daf\u00fcr sind sie hochaktiv, posten ununterbrochen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\"><b><i>Die Macht der wenigen<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Das Bild der abertausenden Menschen, die auf Facebook die politische Debatte beeinflussen, beginnt zu br\u00f6ckeln und eine neue Frage f\u00e4ngt an, uns zu besch\u00e4ftigen. 3,8 Millionen \u00d6sterreicherinnen und \u00d6sterreicher sind monatlich auf Facebook.<\/span><span class=\"s2\"><b><sup>1 <\/sup><\/b><\/span><span class=\"s1\">Doch: Wie viele davon beteiligen sich am politischen Diskurs? K\u00f6nnte es sein, dass dieser nur von einigen wenigen dominiert wird? <\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Anfangs handelt es sich hier vor allem um unsere eigenen Beobachtungen. Wir legen dann eine Datenbank an, in der wir penibel alles erfassen, was uns relevant scheint: Facebook-Seiten, Gruppen, User. Doch um echte Schl\u00fcsse ziehen zu k\u00f6nne, fehlt uns noch die gro\u00dfe systematisch erfasste Datenmenge. <\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Das \u00e4ndert sich bald, denn ein neues Teammitglied st\u00f6\u00dft zu uns: David Tichy ist IT- und Datenspezialist. Er kann genau das, was wir brauchen: \u00fcber die Facebook Graph-API systematisch Daten auslesen. Wir beginnen also, Userdaten zu sammeln. Im November 2017 ist es dann soweit. Der Wahlkampf ist gerade vorbei und die Daten liegen vor uns: 2,9 Millionen Kommentare auf 40 Facebook-Seiten, gepostet von 400.000 Usern. Es scheint so, als w\u00fcrde eine Vielzahl an Menschen an politischen Diskussionen auf Facebook teilnehmen. Stimmt das? K\u00f6nnen wir aus den Kommentaren herauslesen, was die Mehrheit in \u00d6sterreich denkt? Wir fangen an zu rechnen und haben das Ergebnis bald vor uns. <\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Die Analyse zeigt: Es ist eine kleine m\u00e4chtige Minderheit, die die politische Diskussion rund um den Wahlkampf beherrscht. Der \u00fcberwiegende Teil der Kommentare stammt von einem Bruchteil der Facebook-Nutzer.<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\"><b><i>Ungleichgewicht in Debatte<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Die 2,9 Millionen Kommentare stammen zwar von etwa 400.000 Personen. Die meisten User posteten w\u00e4hrend der Monate vor der Wahl aber nur einige\u00a0wenige Kommentare, ein gro\u00dfer Teil nur einen einzigen. Die H\u00e4lfte der Kommentare stammt von etwa 8900 Personen. Das sind gerade einmal 2 Prozent von allen, die kommentiert haben. Bei diesen 2 Prozent handelt es sich um User, die\u00a050 oder mehr Kommentare auf den untersuchten Facebook-Seiten posteten. <\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">38 Prozent der Kommentare \u2013 \u00fcber eine Million \u2013 stammen von etwa 4100 Usern (1 Prozent aller User die kommentiert haben). Diese User haben jeweils\u00a0100 oder mehr Kommentare verfasst. Sieht man sich jene User an, die mindestens 500 Kommentare posteten, bleiben 400 Personen, von denen rund 360.000 der Kommentare stammen. Gerade einmal 0,1 Prozent der User sind f\u00fcr\u00a0 12,6 Prozent der Kommentare verantwortlich.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\"><b><i>Wer sind die \u00fcberaktiven User?<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Dass die \u00fcberwiegende Mehrheit der User nicht an Diskussionen teilnimmt,\u00a0sehen wir gut an den Zahlen von Facebook-Seiten gro\u00dfer Medien. Die \u201eKronen Zeitung\u201c hatte zu Beginn des Jahres 2018 rund 291 000 Fans. Ein Drittel der 426.000 von uns erfassten Kommentare auf der Facebook-Seite stammt von ca. 1250 Usern. Die politische Diskussion wird auch bei der \u201ePresse\u201c von einer Minderheit stark beeinflusst \u2013 zwar erntet die Zeitung vor der Wahl 215.000 Kommentare, doch 30 Prozent dieser Meldungen stammen von etwa 650 Menschen.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Etwa 80 User waren in unserer Auswertung besonders aktiv: sie haben in den Monaten vor der Wahl \u00fcber tausend Kommentare verfasst. Darunter sind User, die Werbung f\u00fcr Parteien machen und unangenehme Fans, die andere User beschimpfen. Es gibt sie in allen politischen Lagern. Wer tats\u00e4chlich hinter den Accounts steckt, ist oft unklar, da viele kaum Informationen \u00fcber sich preisgeben. Wenn man ihre Kommentare liest, bekommt man den Eindruck, dass sie viele Stunden investiert haben m\u00fcssen. Und dass sie bewusst im Wahlkampf mitmischen wollten. Denn viele von ihnen sind zur Wahl hin immer aktiver geworden. Einige haben nach der Wahl gar nichts mehr kommentiert, andere Accounts sind nach der Wahl gel\u00f6scht worden. <\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Offensichtlich und plump agierende \u201eSocial Bots\u201c<\/span><span class=\"s2\"><b><sup>2<\/sup><\/b><\/span><span class=\"s1\">, so wie diese im US-Wahlkampf auf Twitter massenweise beobachtet wurden, konnten wir nicht finden. Es gibt in unserer Datenbank keine Accounts, die zum Beispiel immer zur selben Zeit posteten. Sehr wohl aber fanden wir Facebook-Accounts, bei denen der Verdacht naheliegt, dass sie teilweise automatisiert sind. Darunter sind User, die immer wieder denselben Satz posteten oder deren S\u00e4tze oft aus den gleichen Textbausteinen bestehen. Diese reichen von kurzen Ausdr\u00fccken, wie \u201eGenau\u201c bis hin zu ganzen S\u00e4tzen mit Wahlwerbung.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Ein Account ist interessant: inhaltlich \u00e4u\u00dferte er sich selten zu Themen, haupts\u00e4chlich beschimpfte er User, die sich kritisch \u00fcber die FP\u00d6 \u00e4u\u00dferten. In seinen Kommentaren findet man immer wieder dieselben Bausteine. Das Spannende ist aber etwas anderes: Er postete bis zu 20 Kommentare in derselben Sekunde. Wir haben probiert, es ihm nachzumachen: ohne einen technischen Trick oder entsprechende Software scheint das nicht m\u00f6glich zu sein. Gibt es Software, um so viel zu posten? Ja, jeder kann sie online kaufen, die Benutzeroberfl\u00e4che ist simpel und erinnert an ein Microsoft-Office-Programme. Mit der Software kann man hunderte Accounts zentral steuern, mit ihnen Freundschaftsanfragen verschicken, liken und kommentieren. <\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\"><b><i>Neue Manipulations-Formen<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p2\">Unsere Recherchen zeigen, dass es noch weitere simple M\u00f6glichkeiten gibt, den politischen Diskurs zu manipulieren. Zahlreiche Webseiten verkaufen t\u00e4uschend echte Fake-Fans mit Namen und Foto. In Foren bieten Menschen ihre echten Accounts an. Gegen Geld liken oder kommentieren sie die gew\u00fcnschte Seite. Ob etwas davon im Wahlkampf zum Einsatz kam, wissen wir nicht. Es w\u00e4re m\u00f6glich. Genauso gut kann es sein, dass hinter den besonders aktiven Accounts einfach politisch engagierte Menschen stehen, denen Facebook erm\u00f6glicht, besonders laut und vehement aufzutreten<\/p>\n<p class=\"p2\">Auf Facebook herrscht nur scheinbar eine Vielfalt an Meinungen, geschrieben von einer Vielzahl an Menschen. Unsere Analyse zeigt, dass es eine Minderheit war, die den Diskurs rund um den Wahlkampf bestimmt hat. Einen Diskurs, der oft emotional aufgeladen ist, bei dem Extreme dominieren und sachliche Argumente sowie moderate Diskutieren in den Hintergrund geraten. Die Mehrheit der Facebook-User liest nur mit. Das macht es sehr einfach das Meinungskli<span class=\"s1\">ma auf Facebook zu beeinflussen.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Zur Autorin <\/b><\/span><\/p>\n<p><div style=\"width: 88px;\" data-width=\"88\" class=\"ratio-wrap-left\"><div class=\"ratio-box\" style=\"padding-bottom: 100% !important;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-125 lazyload\" alt=\"\" width=\"88\" height=\"88\" data-src=\"https:\/\/www.digitalreport.at\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/palzer-khomenko.png\" data-srcset=\"https:\/\/www.digitalreport.at\/report-facebook\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2018\/07\/palzer-khomenko.png 247w, https:\/\/www.digitalreport.at\/report-facebook\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2018\/07\/palzer-khomenko-150x150.png 150w\" data-sizes=\"(max-width: 88px) 100vw, 88px\"><\/img><\/div><\/div><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Sofia Palzer-Khomenko ist studierte Kommunikationswissenschafterin und Chefredakteurin von <a href=\"http:\/\/mokant.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mokant.at<\/a>. <\/span><span class=\"s1\">Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen digitaler Journalismus, Daten\u00adjournalismus und Medienkompetenz <\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Das mokant.at-Team besteht aus: Sofia Palzer-Khomenko (Leitung), Barbara B\u00fcrscher (Redakteurin), Manuela Griessbach (Redakteurin), David Steiner (Redakteur), Markus Palzer-Khomenko (Geologe, Experte f\u00fcr Datenbanken und Datenanalyse), David Tichy (Data Warehouse Entwickler, Experte f\u00fcr Data Engineering)<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Diese <a href=\"http:\/\/mokant.at\/1802-facebook-user-wahlkampf-diskurs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Recherche<\/a> von mokant.at wurde gef\u00f6rdert von\u00a0<a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">netzwerk recherche<\/a><\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liefert Facebook einen Einblick, was \u201edas Volk\u201c denkt? 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