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Google hat immer Recht

Wie nutzen Jugendliche soziale Medien anders als Erwachsene? Barbara Buchegger von der  Initiative Saferinternet.at gibt Einblick – und erklärt die Risiken und Unklarheiten, denen Teenager bei der Informationssuche ausgesetzt sind

Noch vor wenigen Jahren stiegen Jugendliche mit 10 oder 12 Jahren ins Internet ein. Das ist sprunghaft nach unten gegangen: Wir beobachten derzeit einen Einstieg ins Netz zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr. Zwar haben die Kinder in diesem Alter keine eigenen Geräte, aber sie nutzen jene der Eltern oder großen Geschwister. Noch ehe ein Kind ein eigenes Smartphone oder Computer besitzt, hat es schon viele Erfahrungen online gesammelt – nicht immer nur angenehme. Gerade Kinder nutzen Geräte häufig nicht nur Geräte mit einem Bildschirm, auch Sprachsteuerung ist zunehmend in Verwendung. Das Kleinkind, das im Einkaufszentrum die nervige Musik mit „Alexa, Musik aus“ abdrehen möchte, ist keine Seltenheit mehr. Das Baby, das ein Magazin oder den Fernseher mit Wischbewegungen steuern will, auch nicht.

Das Ganze zeigt: Das Internet ist für Kinder und Jugendliche so selbstverständlich wie für die Eltern der Kugelschreiber. Wir bei Saferinternet.at beraten Eltern, LehrerInnen, Jugendliche und auch SeniorInnen – und sehen große Unterschiede zwischen den Generationen.

 

Zum Beispiel gibt es Unterschiede, was als unhöflich erachtet wird: Eltern finden es oft unhöflich, wenn der eigene Nachwuchs während des Abendessens auf das Handy starrt. Gleichzeitig gibt es aber auch Kommunikationsformen, die die Kinder irritierend finden: Während die Eltern und vor allem Großeltern das Telefonieren noch für eine wichtige Kommunikationsform halten, sehen dies Jüngere oft anders. Telefonieren oder das Abheben des Telefons im Beisein anderer Personen wird als unhöflich angesehen und die Eltern und Großeltern dafür auch kritisiert.

Welche Apps Jugendliche nutzen

Für Jugendliche ist das Smartphone nicht in erster Linie ein Gerät, um jemanden anzurufen, sondern um ihr Leben zu organisieren und in engem Kontakt zu den eigenen Freunden zu stehen – über unterschiedliche Apps. Es ist ein Mythos, dass Teenager nur jene sozialen Netzwerke verwenden würden, auf denen die Eltern bloß nicht anwesend sind. Gerade WhatsApp ist die meistverbreitete App unter Jugendlichen und dort sind auch oft die Eltern und Großeltern unterwegs. Und Facebook wird so verwendet, wie Erwachsene die tägliche Papier-Zeitung nutzen: Zum Nachrichten lesen, neue Infos aus dem eigenen Sportverein oder Interessantes von Celebreties sehen. Vor allem ältere Jugendliche haben nach wie vor ihren Facebook-Account und nutzen ihn passiv. Darüber hinaus verwenden Teenager auch Netzwerke, die ältere Personen wenig kennen und nutzen, wie Snapchat  – das zeigte unsere Befragung.

Von den Jugendlichen nutzen:

85 Whatsapp

81 YouTube

63 Instagram

59 Snapchat

52 Facebook

Das ergab der Jugend-Internet-Monitor 2018  von Saferinternet, der Teenager  befragte, welche sozialen Apps sie verwenden (n = 400, Altersgruppe 11 bis 17)

Unsere Umfrage ergab: Jugendliche nutzen also eine große Anzahl an Apps und Tools rund um Kommunikation, Unterhaltung und Spielen. Auch wenn es für Erwachsene auf den ersten Blick nicht so wirkt, erfüllen die genannten Plattformen für Jugendliche alle die Funktion eines sozialen Netzwerkes: So wird in YouTube viel mit anderen Personen kommuniziert, die gleiche Interessen haben wie man selbst. So werden über Instagram neue Freundschaften gebildet. Auch Gruppen in WhatsApp erreichen eine recht große Öffentlichkeit, wenn ganze Klassen oder Schulen in einer Gruppe wichtige Begebenheiten mitbekommen.

Offline gibt es für Teenager einfach nicht

Dass Eltern eine andere Handynutzung aufweisen, kann auch zu Problemen führen: Zum Beispiel passiert es immer wieder, dass Eltern einen Urlaub in einem Land außerhalb der EU in einem Hotel ohne Internet buchen. Während Berufstätige die Idee, einmal richtig abzuschalten, durchaus verlockend finden, ist dies für Jugendliche mitunter eine Horrorvorstellung: Ein internetloses Hotel erschwert ihnen, ihre sozialen Netzwerke aufrecht zu erhalten. Das beste Beispiel hierfür ist das soziale Netzwerk Snapchat. Diese App bietet eine Funktion, die von Jugendlichen als ein Kennzeichen für die Enge einer Freundschaft oder Beziehung angesehen wird, genannt der „Streak“ oder die „Flammen“. Haben sich zwei Personen in den vergangenen 24 Stunden Fotos oder Videos geschickt, dann wird das unter der Kategorie „Best Friends“ als Flamme angezeigt und daneben zeigt eine Zahl an, wieviele Tage lang diese zwei Personen ohne Unterbrechung in Kontakt waren. Für Jugendliche signalisieren die Flammen, wer ihre allerbesten Freunde sind: Steht neben der Flamme eine hohe Zahl, wird dies als Zeichen einer hohen Bedeutung dieser Person gewertet. Dies darf nicht nur einmal für 24 Stunden unterbrochen werden, denn dann ist der Streak weg – die Freundschaft wird hoffentlich nicht gekündigt, doch es besteht entsprechende Gefahr, dass der Freund oder die Freundin enttäuscht ist. Daher sind Jugendliche auch bereit, Risiken einzugehen. Sie geben ihre Zugangsdaten zum Beispiel an andere Personen weiter, wenn ein Internet-Zugang im Hotel während des Urlaubes nicht gewährleistet sein sollte. Dies führt mitunter zu einer Art „Identitätsdiebstahl“, denn nicht immer erweist sich die andere Person als komplett vertrauenswürdig und gibt die Daten nach Ablauf einer „Urlaubsvertretung“ auch wieder heraus. Im schlimmsten Fall führt also die Urlaubsbuchung der Eltern dazu, dass Jugendliche unvorteilhafte Pläne schmieden und ihre Identität online entwendet wird. Mein Tipp ist, sich für das Kommunikationsverhalten der eigenen Kinder zu interessieren und notfalls einen Kompromiss zu finden, dass diese zum Beispiel einmal am Tag 10 Minuten online sein dürfen – das verhindert bereits viele Konflikte.

Eine große Herausforderung ist auch, dass Jugendliche zwar permanent das Internet für die Suche nach Information nutzen – dass ihnen die genaue Beurteilung von Information aber sehr langweilig erscheinen kann.

Bei der Medienkompetenz beobachten wir einen großen Unterschied zwischen Theorie und Praxis: Wie man Information im Internet überprüft, können Jugendliche oft theoretisch benennen. Sie wissen, dass man eine Behauptung mit anderen Quellen vergleichen oder diese Behauptung „einfach googeln“ kann, doch sie tun es in der Praxis höchst selten und wenn, dann unwillig, ist unsere Beobachtung aus vielen Trainings und Besuchen in Schulen. Denn Informationen bewerten ist langweilig und zeitaufwändig. Auch sind sehr viele Jugendliche nahezu defätistisch, was die Suche nach Fakten betrifft, und äußern mitunter die Meinung, dass man sich „ohnehin nie sicher sein kann“. Eine solche Sichtweise lässt die Suche nach Information noch weniger attraktiv wirken.

Im Jahr 2016 haben wir eine Umfrage unter Jugendlichen gemacht. Wir wollten wissen, welche Informationsquellen Jugendliche für tagesaktuelle Themen nutzen, und welche Quellen sie glaubwürdig finden. Hier zeigte sich, dass Teenager in einer Zwickmühle stecken: Die beliebteste Informationsquelle der Jugendlichen waren soziale Netzwerke – gemeinsam mit dem Fernsehen (beide Medien nutzen 59 Prozent der Befragten). Doch obwohl soziale Medien der erste Kanal sind, den Jugendliche für die Informationssuche benutzen, misstrauen sie diesem Medium immens: Nur zehn Prozent der Befragten hielten soziale Medien für glaubwürdig.

Welche Medien halten Jugendliche für sehr glaubwürdig?

32 Radio

29 Fernsehen

23 Webseiten klassischer Medien

21 Wikipedia

20 Tageszeitungen/Magazine

10 soziale Netzwerke

Das ergab eine Umfrage von Saferinternet.at Ende 2016 (n = 400, Altersgruppe 14 bis 18)

Jugendliche konsumieren als Informationen vorrangig auf Plattformen, die ihnen wenig vertrauenswürdig erscheinen. Gleichzeitig waren 86 Prozent nicht sicher, ob Informationen im Internet richtig oder falsch sind. Obwohl Jugendliche also mit dem Internet aufgewachsen sind und dieses auch als primäre Informationsquelle (gemeinsam mit dem Fernsehen) nutzen, erscheint ihnen die Bewertung der Online-Information mühsam und auch schwer.

Wir sehen zum Beispiel, dass Jugendliche Apps zwar zur Unterhaltung oder für sozialen Austausch nutzen, ihnen aber weniger Verwendungsmöglichkeiten bekannt sind, wie sich diese Kanäle auch für die eigene Recherche einsetzen lassen: Zum Beispiel finden einige ältere Jugendliche die Idee nahezu absurd, Twitter als eine Informationsquelle für die Suche nach wissenschaftlichen Inhalten zu nutzen. Sie verbinden das Netzwerk nur mit Celebrities oder vielleicht noch PolitikerInnen, aber nicht mit WissenschaftlerInnen und deren Veröffentlichungen. Dass man auf Twitter zum Beispiel auch viele Forscher finden kann, käme ihnen nicht in den Sinn: Sie assoziieren diese Plattform eher mit Beyoncé oder David Alaba.

Wir beobachten auch ein großes Vertrauen in Google – speziell in den obersten Treffer auf Google. Gerade ältere Jugendliche haben oft schon über Jahre hinweg viele Produkte aus der Google-Welt genutzt und die Ergebnisse, die die Suchmaschine liefert, ist auf ihre Interessen zugeschnitten.

Die Teenager sind daher auch mit ihren Suchergebnissen in Google sehr zufrieden. Denn Google kennt sie und ihre Bedürfnisse recht gut. So erklären sie auch die Verhaltensweise, über die erste Google-Suchergebnisse-Seite nicht hinaus gehen zu müssen. Denn auf der ersten Seite finden sich alle für sie relevanten Suchergebnisse. Dies birgt aber mehrere Gefahren in sich: Wer immer nur die ersten Treffer auf Google anklickt, ist womöglich im eigenen Blick auf ein Thema eher eingeengt. Auch gibt es Suchanfragen an Google, die keine hochwertigen Ergebnisse auf den ersten Treffern liefern –

und in diesem Fall können auch unseriöse Seiten unter den ersten Google-Ergebnissen liegen.

Interessiert Jugendliche ein Thema wirklich, so suchen sie in YouTube nach Infos. YouTube ist neben der Unterhaltungsmaschine auch eine Suchmaschine. Doch gerade auf YouTube kursieren auch viele unseriöse Informationen – doch es ist schwer, den Wahrheitsgehalt solcher Videos zu überprüfen. So sind Jugendliche mit „Fake News“ aus Themenbereichen konfrontiert, die Erwachsene nicht als „Fake News“ wahrnehmen würden.

Es geht bei diesen unseriösen Videos oft nicht um eindeutig politische Themen, sondern um fragwürdige Behauptungen zu alltäglichen Lebensbereichen wie Körperbewusstsein, Schönheit, Life-Hacks, Ernährung, Computerspiele und dem Leben der Celebrities. Gerade Jugendliche sehen auf YouTube viele Falschmeldungen – oft andere Falschmeldungen als jene, die unter Erwachsenen kursieren. Sprödere Themen wie Politik oder Geschichte interessieren wohl nur einen kleinen Teil der Jugendlichen.

Unseriöse Information ist nicht das einzige Problem: Gerade auf YouTube ist es für Kinder und Jugendliche sehr schwer, einzuschätzen, aus welchen Gründen etwa veröffentlicht werden. Zum Beispiel erkennen sie Product Placement häufig nicht – also Produkte, die gezielt in den Videos beliebter YouTuber (sogenannter Influencer) platziert werden, und Werbezwecken dienen sollen. Auch interessiert Kinder und Jugendliche nicht unbedingt, wie sich Influencer finanzieren. Vor allem Jüngere hinterfragen die ökonomischen Zwänge der YouTuber nicht, sondern sehen hierin eher einen Traumjob: „Ich kann das machen, was mir wirklich Spaß macht und werde auch noch reich dabei!“ Wenn wir in den vergangenen Jahren in Volksschulen Schulungen abhielten, haben Kinder häufig diese Haltung geäußert. Für einige Volksschüler, wie auch ältere Kinder, sind jene YouTuber, deren Videos sie konsumieren, HeldInnen, denen sie ungefiltert alles abnehmen.

Aufklärung ist sehr wohl möglich

Informationen aus digitalen Medien zu bewerten ist für Kinder aller Altersgruppen eine Herausforderung. Doch falsch wäre es, deswegen zu resignieren: Natürlich können Erwachsene und auch LehrerInnen einiges tun. Ein simpler Schritt ist, in der Schule diese Themen immer wieder anzusprechen.

Warum kann nicht nach jedem Referat, das SchülerInnen halten, die genutzte Quelle dafür in Betracht gezogen werden? Die Jugendlichen lernen viel dabei, wenn gemeinsam ein Blick darauf geworfen wird, warum es sich im jeweiligen Fall um eine vertrauenswürdige Quelle handelt – oder nicht. Die Geräte werden von den Kindern ab jungen Jahren eingesetzt –

umso wichtiger wäre es, Kindern und Jugendliche ab jungen Jahren bereits ein Stück mehr Sicherheit im Umgang mit digitalen Medien zu geben.

 

Zur Autorin

Barbara Buchegger ist pädagogische Leiterin  von Saferinternet.at.  Sie beschäftigt sich mit  der digitalen Lebens­welt von Kinder und  Jugendlichen und vermittelt dies vor allem Erwachsenen. Die Initiative  Saferinternet.at unter stützt Kinder, Jugendliche und deren erwachsene  Bezugspersonen bei der sicheren und verantwortungsvollen Nutzung  von Internet und Handy.

www.saferinternet.at bietet Broschüren, Berichte über neue Trends und Tools für Schulungen.

Das obige Bild stammt von Pixabay

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